Fallstricke im Paradies

2016-07-14 12:35
von Dr. Hermann Fischer
Business, Company, News

Kaum ein Thema wird die Naturschutzarbeit in den kommenden Jahren und Jahrzehnten so beschäftigen wie die so genannte „Bioökonomie“, also die Umstellung unseres wirtschaftlichen Handelns auf erneuerbare - und damit prinzipiell dauerhafte - stoffliche und energetische Grundlagen.

Dieser Wandel ist unausweichlich. Die fossile Ära hat seit etwa 170 Jahren vielen Menschen einen fast rauschhaften wirtschaftlichen Aufschwung ermöglicht. Aber die Endlichkeit nicht erneuerbarer Ressourcen und die schweren Schäden durch deren hemmungslosen Gebrauch holen uns nun ernüchtert zurück in die Realität eines Planeten, der auf Dauer nur ein ausgeglichenes Verhältnis von Verbrauch und Reproduktion erlaubt – so, wie es uns eine intakte Biosphäre seit jeher vormacht.

Aber auch die Geburtsschmerzen dieses Wandels sind schon deutlich spürbar. Wie kann die Nutzung der Landflächen global fair verteilt werden, so dass Nahrungsmittel, nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energien gleichzeitig und ohne Schädigung einer biodiversen Natur erzeugt werden können? Welches Ideal bestimmt diese Verteilung: das einer bedenkenlosen Profitorientierung, oder vielmehr das Ideal eines sozial, ökologisch, kulturell und ökonomisch ausgewogenen Optimums für alle Nutzer? Sehen wir die Produktivität der Biosphäre nur unter reinem Nutzungsaspekt, oder gibt es auch gleichrangige Rechte der Natur selbst? Welchen Rang hat der Erhalt einer lebendigen Vielfalt an Landschaften, Biotopen, Pflanzen und Tieren oder gar die Ästhetik der Natur an sich?

Das versprochene Paradies einer in perfekten Kreisläufen gestalteten biogenen Wirtschaft steckt also voller Fallstricke, besonders für den Naturschutz. Umso dringender ist Erhellung nötig – und die liefert ein soeben erschienenes Buch mit dem Titel „Global Gardening“. Die Journalistin Christiane Grefe ist über Jahre tief in die bereits recht verästelte Bioökonomie-Szene eingetaucht, hat sich bei Politikern, Forschern, Unternehmern und Beratern umgehört und ein ausgesprochen vielfarbiges, hoch spannendes Bild gezeichnet, in dem weder die enormen Chancen noch die genannten Fallstricke unausgeleuchtet bleiben.
Es ist wie immer: nur nüchterne Aufklärung hilft im Dschungel von Information und Desinformation, der auch die Bioökonomie bereits kennzeichnet. Für diese Aufklärung bietet das Buch von Christiane Grefe jetzt einen markanten Meilenstein. Es ist zudem geradezu süffig geschrieben und liest sich bei allem Faktenreichtum wie ein Wissenschafts- und Wirtschaftskrimi. Aber dies ist ein Krimi, der uns alle existentiell betrifft. (H. Fischer)

Christiane Grefe: Global Gardening. Bioökonomie - Neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft? Verlag Kunstmann, München 2016. 320 S., € 22,95

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