"Dream Production" oder eher "Nightmare Production"?

2017-02-12 16:41
von Dr. Hermann Fischer

Für den unkundigen Laien, aber auch für den etwas oberflächlich urteilenden Chemiekenner klingt es verlockend: Man nehme das als Klimakiller gebrandmarkte „böse“ Kohlendioxid (CO2) als Grundbaustein chemischer Synthese und mache daraus nützliche Kunststoffe. Genau das hat die Covestro AG, eine kürzlich umbenannte (s. Rubrik Blog/Was uns auffiel) Tochter des Chemie-Giganten Bayer AG, nun vor. Und damit dieser Traum für jeden PR-Manager auch gleich entsprechend benannt ist, nennt sich das Ganze ohne falsche Bescheidenheit: „Dream Production“ – und wird entsprechend lauthals in der Öffentlichkeit beworben.

Die Sache hat allerdings einen fatalen Haken. CO2 ist ein energetisch so „totes“ Molekül, dass es nur mit riesigen Energieaufwand in nutzbare Kunststoffe verwandelt werden kann. Damit gilt also bei realistischer, nicht durch die rosarote PR-Brille gefärbter Sichtweise: aus der Traum. Kein Wunder, dass sich vor allem die kritischen Fachleute und Aktivisten des kampagnenerfahren Gruppe „Coordination gegen BAYER-Gefahren“ (CBG) die fatale „Dream Production“ bereits vor der Eröffnung der Pilotanlage Mitte Juni 2016 vorgenommen haben. Und sie fanden in ihrer kritischen Sicht breite Unterstützung. Auszüge aus einigen dieser Stellungnahmen:

„Man kann sich kaum eine ökologisch katastrophalere Strategie ausdenken, als ausgerechnet das auf dem niedrigsten Energielevel ruhende Molekül CO2 zum Aufbau komplexer, energiereicher Verbindungen nutzen zu wollen. Die Physik kann man nicht überlisten – der riesige energetische Abstand zwischen CO2 und komplexen Kohlenstoff-Verbindungen ist eben nur mit ebenso riesigem Energieaufwand zu überwinden. Nur Illusionäre glauben, man könne diesen Energieeinsatz aus regenerativen Quellen beziehen. Wir brauchen die regenerative Energie viel dringender für die Energiewende. Es gibt nur ein System, das CO2 nachhaltig und mit regenerativer Energie in komplexe chemische Stoffe umwandelt: Pflanzen in einer intakten Biosphäre (Photosynthese). Dass man ausgerechnet das ungeeignetste Molekül (CO2) als Synthesegrundlage propagiert, hat ganz andere Gründe: Billige Pseudo-Öko-PR. Es macht sich einfach gut, mit einem Verfahren zu prahlen, welches das „böse“ CO2 in harmlose und nützliche Verbindungen umwandelt. PR-Strategen haben CO2 zum neuen Lieblings-Spielzeug der Chemie erwählt. Man baut darauf, dass die Öffentlichkeit den energetischen und verfahrenstechnischen Irrsinn hinter dieser Aktion nicht hinterfragt.“ (H. Fischer, Präsidiumsmitglied im NABU e.V.)

„Der Einsatz von Kohlendioxid bei der Produktion von Polyurethan stellt aus Sicht des BUND keinen echten Fortschritt in Sachen Klimaschutz dar. Wenn BAYER im Zusammenhang mit diesem neuen Verfahren von einem „ganzheitlichen Ansatz zur Nachhaltigkeit“ spricht, muss sich die Konzernleitung nicht über den Vorwurf wundern, Öko-PR in eigener Sache zu betreiben. Der Nutzen eines solchen Verfahrens ist schon angesichts des benötigten Energieaufwands fragwürdig und steht in keinem Verhältnis zu den Mengen an CO2, mit denen wir alljährlich die Umwelt belasten. Ein ganzheitlicher Ansatz zur Nachhaltigkeit führt für den BUND nach wie vor nur über einer drastische Reduzierung der Kunststoffproduktion und des Einsatzes von fossilen Brennstoffen.“ (Manuel Fernández vom Bereich Chemikalienpolitik des Bund für Umwelt und Naturschutz)

Natürlich wollte die Bayer-Tochter das nicht auf sich sitzen lassen. Am 19.4.2016 konterte Covestro-Sprecher Markus Kleine-Beck in einer Pressemitteilung: „Das Verfahren sei nachhaltig und ökologisch wie ökonomisch sinnvoll. Der Hauptzweck sei, durch den Einsatz von CO2 teilweise Erdöl zu ersetzen, auf dem Kunststoffe üblicherweise komplett beruhen. Kleine-Beck: "Aktuell können wir rund 20 Prozent des sonst eingesetzten Öls in der Herstellung des Vorprodukts Polyol für Polyurethan-Weichschaum einsparen.“ Kleine-Beck weiter: „Bei den Milliarden Tonnen CO2, die jährlich in die Atmosphäre gelangen, ist das Klimaschutzpotenzial des neuen Verfahrens naturgemäß gering. Das sieht Herr Fernández völlig richtig. Doch ist dies auch keineswegs unsere Hauptintention. Vielmehr geht es in erster Linie um einen Beitrag zur Ressourcenschonung und zur Verbreiterung der Rohstoffbasis in der chemischen Industrie - wir sparen Erdöl.“ Grundsätzlich sei es zwar richtig, dass CO2 nur mit hohem Energieaufwand zur Reaktion gebracht werden kann. In dem speziellen Fall bei Covestro müsse aber keine Energie von außen zugeführt werden. „Die nötige Energie liefert der Reaktionspartner Propylenoxid selbst", erklärt der Covestro-Sprecher. Um die Reaktion zu steuern und die Aktivierungsenergie niedrig zu halten, sei ein spezieller Katalysator nötig. Diesen Katalysator habe Covestro zusammen mit Partnern entdeckt - ein wissenschaftlicher Durchbruch.“ So weit also die Entgegnung von Bayer/Covestro an seine Kritiker.

Natürlich blieb diese Darstellung nicht unwidersprochen:
„Dass die Bayer AG nach einer jahrzehntelangen Monostruktur erdölbasierter Chemie jetzt einer ‚Verbreiterung der Rohstoffbasis in der chemischen Industrie‘ das Wort redet, ist uneingeschränkt zu begrüßen. Allerdings verbreitert man die Basis leider an der falschen Stelle – mit dem am wenigsten geeigneten Ausgangsstoff CO2. Dessen Qualität liegt für Bayer offensichtlich vor allem im PR-Bereich. Und die geschönte Energiebilanz der Synthese auf CO2-Basis ist natürlich eine fatale Mogelpackung: man lässt die extrem energieintensive Synthese des Reaktionspartners Propylenoxid einfach außen vor.

Trotzdem: auch Bayer sieht sich offenkundig genötigt, konkrete Schritte in Richtung einer ökologisch nachhaltigen Produktion in der Chemie zu gehen – das ist gut so und verdient als Einstieg in eine ‚Chemiewende‘ die Unterstützung der Öffentlichkeit. Allerdings täte Bayer besser daran, bei der willkommenen Verbreiterung der Rohstoffbasis vor allem an diejenigen ‚Vorlieferanten‘ zu denken, die seit Jahrmillionen bereits erfolgreich CO2 in komplexe Chemikalien umwandeln: an die Vielfalt von Pflanzen und Algen. Dann wäre die Energiebilanz auch ganz ungeschönt positiv, beziehen diese kleinen, inhärent sicheren Chemielabore doch ihre Syntheseenergie ausschließlich von der Sonne. Sie arbeiten zudem dezentral und abfallfrei.“ (H. Fischer)

Covestro/Bayer hatte sicher große Hoffnungen in diese alptraumhafte „Dream Production“ gesetzt. Der heftige Gegenwind kritischer Fachleute, die sich durch die vollmundigen PR-Slogans nicht blenden ließen, hat dem Unternehmen diese Tour erkennbar vermasselt. Nun wird der Versuch unternommen, in (einstmals) bewährter Weise die Kritiker in exklusive „Hintergrundgespräche“ zu locken oder scheinbar unabhängige (in Wahrheit wirtschaftlich mit Bayer verbandelte) Experten aufzufahren, um die Kritiker möglichst lautlos zu „neutralisieren“. Das wird natürlich nicht funktionieren, die Saat des Zweifels ist gesät und hat bereits gekeimt. Bayer wird sich etwas Einleuchtenderes einfallen müssen, um sich als Chemiekonzern mit Nachhaltigkeitsperspektive zu qualifizieren.

Eröffnung Dream Production bei Covestro Bayer

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